Das Wunder der Geburt und der Schmerz des Loslassens

Das Wunder der Geburt und der Schmerz des Loslassens

Vor wenigen Wochen ist meine Tochter dreißig geworden und ich habe aus gegebenen Corona-Umständen nicht mit ihr persönlich feiern können. Das hat sie mit ihren Kindern und Freunden selbst gemacht, und das ist gut so. Sie ist jung, schön und steht in der vollen Blüte ihres Lebens. Sie soll sich und das Leben feiern, sich daran erfreuen – nicht nur am Geburtstag, sondern an jedem Tag ihres Lebens. Das wünsche ich ihr von ganzem Herzen.

Was ich an diesem besonderen Tag stattdessen getan habe, war mir alleine und in aller Stille ihre Geburt – dieses unvergessliche Ereignis – ins Gedächtnis zu rufen und zu versuchen, mich an jeden dieser magischen Momente zu erinnern:

Die Fahrt ins Spital verbunden mit dem Bangen und Hoffen, dass das Kind gesund sein wird. Die Neugierde, ob es ein Bub oder Mädchen ist. Das freudige Erwarten, getrübt durch unterdrückte Angst. Der unbeschreibliche Schmerz, der immer schneller und intensiver kommt und geht, wenn sich das Becken dehnt und die Geburt ankündigt. Das lange Liegen im warmen Wasser, um den Körper zu entspannen. Die unendlichen Stunden des Wartens, gefüllt von nicht enden wollenden schmerzhaften Wehen. Die ungeschickten Versuche, dem Schmerz hockend, stehend oder in der Wanne liegend zu entrinnen.

Die Angst, Erschöpfung, ja Ohnmacht, wenn die Presswehen nach 24 langen Stunden einsetzen und der Arzt das Pressen panisch verbietet. Das Hin- und Herwälzen meines Körpers mit Hilfe zweier Krankenschwestern, um das querliegende Kind schnell in Position zu bringen und einen Kaiserschnitt zu vermeiden. Das immer schwächer zu hörende Herz meines Babys. Die aufkommende Panik! Das Gefühl, dem Schmerz ausgeliefert zu sein. Das Ziehen der Saugglocke am Kopf meines noch im Bauch liegenden Kindes, begleitet durch die pressenden Hände der Krankenschwester auf meinem Bauch, bis endlich der Körper das Kommando übernimmt und das kleine Wesen mit dem Hinterkopf voraus aus meiner Gebärmutter presst.

Das Wunder der Geburt und der Schmerz des Loslassens

Die Erleichterung, wenn der Kopf draußen ist, der Schmerz nachlässt und der kleine Körper behutsam aus mir gezogen wird. Das vorsichtige Auswickeln der Nabelschnur, die sich um den Hals des Babys gewickelt hat. Das gespannte Warten auf den ersten Atemzug, das Bangen, ob es lebt, ob es gesund ist und die Neugierde ob ich einem Buben oder Mädchen das Leben geschenkt habe …

„Du wirst immer das Wunder sein, das mein Leben vollkommen gemacht hat.“

Endlich, nach 24 Stunden Wehen lag dieser kleine blutige Körper, mein Mädchen, auf meiner Brust, um meinen Herzschlag in sich aufzunehmen und weiterhin die Geborgenheit des Mutterleibes zu spüren. Mit dunklen Locken und Teint, erschöpft und friedlich – physisch nur noch durch die Nabelschnur mit mir verbunden. Die Nabelschnur wurde nach einiger Zeit durchtrennt, mein Baby im Nebenraum gewaschen, gewogen, gemessen und angezogen. Ich beobachtete das Prozedere mit prüfenden Augen. Ich wollte MEIN Kind so schnell wie möglich wieder bei mir haben. Tag und Nacht, von der Geburt an.

Das war einer der Gründe für meine Entscheidung, die Entbindung in Korneuburg zu machen. Währenddessen wartete der Arzt auf die Nachgeburt, den Mutterkuchen. Auch dieser wurde von meinem Körper nicht sofort freigelassen, sondern musste mittels einiger medizinischer Tricks unter Zeitdruck herausgezogen werden, um eine Blutvergiftung zu verhindern.

Vom Los- zum Zulassen.

Das gespannte Warten auf den ersten Atemzug, das Bangen, ob es lebt, ob es gesund ist und die Neugierde ob ich einem Buben oder Mädchen das Leben geschenkt habe …
Mein Baby war mein Herzenswunsch.

Das Thema des „Loslassens“ war schon damals groß und unbewusst in mir verankert. Der Arzt fragte mich am nächsten Tag bei der Visite, ob ich Probleme während der Schwangerschaft gehabt hätte. „Nein, alles war gut.“ Und tatsächlich war ich eine glückliche und stolze Schwangere gewesen, dieses Baby war absolut geplant und gewollt. „Aber Sie haben das Baby nicht losgelassen“, sagte er, „sie hatten einen Gebärmutterkrampf und konnten sich für die Geburt nicht öffnen, trotz Infusionen und anderer Maßnahmen.“ Er bat mich, darüber nachzudenken.

„Die Kunst eines erfüllten Lebens ist die Kunst des Lassens. Zulassen – Weglassen – Loslassen.“ – Ernst Ferstl

Und ich dachte nach. Ja, das könnte stimmen. Ich war zwar eine glückliche Schwangere, mein Baby war mein Herzenswunsch, aber das Entbinden und all das, was danach kommen würde, habe ich verdrängt und nie genau darüber nachdenken wollen. Meine Familie lehnte die Schwangerschaft und Geburt meines unehelichen Kindes ab und machte sich Sorgen, ob ich es alleine schaffen werde. Das kränkte und verunsicherte mich zugleich. Bewusst ließ ich mir die Freude nicht nehmen, aber anscheinend hatte es doch Auswirkungen auf mich gehabt. Die Gebärmutter folgte meinem Unterbewusstsein, verkrampfte sich und ließ das Kind einfach nicht los.

Rückblickend betrachtet, machte ich genau das immer wieder: „Pseudo-Loslassen“. Mit meinen Gedanken und Tun ließ ich los, aber mit dem Herzen nicht. Zu groß ist die Sorge um das Wohlergehen meiner Tochter gewesen. Im Außen versuchte ich loszulassen, dafür im Vorfeld zu kontrollieren, organisieren, vorplanen und vorsorgen, dass es ihr ja gut geht und nichts Schlimmes passiert. Dadurch versuchte ich „das Negative“ zu verhindern und meine Angst zu überlisten, die immer da war, energetisch mitschwang und an meiner Seele nagte.

Die Lektion des Lebens.

Wenn man vertraut, lässt man lost – so sagt man zumindest. Ich vertraute meiner Tochter, aber nicht all den Gefahren und Verführungen im Außen. Ich ermöglichte ihr die bestmögliche Bewegungsfreiheit, war aber immer beobachtend auf der Hut und jederzeit bereit, sie zu beschützen und zu verteidigen. Eine Parallele zur Geburt, bei der ich sie freigeben, die Gebärmutter sie aber weiterhin behüten wollte.

Eine Geburt ist ein unvergessliches Erlebnis. Wie wir lernen, loszulassen, zu vertrauen und dadurch uns selbst und unsere Kinder für das Abenteuer Leben zu stärken.
Lernen wir, loszulassen, zu vertrauen und dadurch uns selbst und unsere Kinder für das Abenteuer Leben zu stärken.

 

Erst seit ein paar Jahren lernte ich, auf unbewusster und bewusster Ebene loszulassen. Ich konnte die „Nabelschnur“ auch auf der emotionalen Ebene durchtrennen. Seitdem schlafe ich besser, denn ich weiß, ich kann dem Universum vertrauen, dass immer alles gut wird und so kommt, wie es kommen soll, und ich nichts und niemanden kontrollieren kann – ich kann nur LIEBEN und VERTRAUEN. Ich weiß, dass jeder das Recht auf seine eigenen Erfahrungen hat und seinen eigenen Lebensweg gehen muss, egal wie andere über diesen urteilen. Ich bin mir sicher, dass jedes Ereignis, egal ob im Moment gut oder schlecht empfunden wird, eine Lektion für uns darstellt.

Manche Lektionen lernen wir durch Schmerz, manche durch Freude. Und manche schnell und für andere brauchen wir mehrere Anläufe.

Ich bin stolz, dankbar und froh, all das erlebt zu haben, meine Tochter, dieses wunderbare Wesen, geboren und durch ihre Kindheit und in ihrem Erwachsenwerden begleitet zu haben. Und ich bin der Meinung, dass ALLE Frauen auf dieser Welt mächtig stolz auf sich sein sollten. Insbesondere diejenigen, die ein oder mehrere Kinder neun Monate unter ihrem Herzen getragen und die Geburt erlebt und überlebt haben.

 

Svetlana Ilic, Gründerin von Sveta - Feeling Nature
Svetlana Ilic ist Mutter einer Tochter und Großmutter zweier Enkelkinder. 2020 gründete sie das Start-up Sveta.